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Schlangenbildner - 1 

Wo auch immer mehr als zwei Mexikaner auf etwas warten, bilden sie eine Schlange. Es ist eine meditative Übung, keine Pöbeleien, keine Drängler, keine Schubser, keine Nörgler, keine Witze, keine „Ich bin schwanger/ alt/ wichtig/ schon länger hier als du/ krank/ in Eile“-Sprüche. Sich zu unterhalten scheint nach Schlangestehenknigge streng verboten. „Man“ wartet einfach, wird für die Minuten des Ausharrens seltsam still. Hielten Menschen Winterschlaf, sähen sie währenddessen so aus wie Mexikaner beim Schlangestehen. Nur eben liegend und mit geschlossenen Augen.

Update (02. Juli 2008): Ich bin zutiefst schockiert. Da hat tatsächlich eine Mexikanerin versucht, sich in einer Schlange vor mich zu schieben. Ich wartete bei Cablecom, einem Kabelnetzbetreiber, darauf vom Kundendienst empfangen zu werden. Ich wartete - mittlerweile geübt - geduldig. Dann die Attacke: vierzigfährig, kettenrauchend, untersetzt, schlecht gekleidet (alte und in heller Vorzeit weiße Turnschuhe!) rollte der Angriff auf mich zu. Die Situation war zwar schnell geklärt, aber eine Grundwahrheit wurde erschüttert.

Ein Abend im Stadium - 0 

Open-Air-Konzert im örtlichen Stadion. Deutschland hat hier 1986 die Vorrunde gespielt (Loddar war auch dabei), wurde im Finale von Argentinien geschlagen. Kein gutes Zeichen. Dazu junge Menschenhorden – ich meine wirklich jung, so zwischen sechs Monaten und zwölf Jahren. Meine Gruppe ist altersmäßig durchmischt, mit einer Bandbreite von fünfzehn (2x), über dreiundzwanzig (ich) bis zu (verdammt, ich glaube) 31. Es regnet, es wird kalt, wir frieren, die Musik ist reiner Pop, „Gangsta“-Rap und Latino-Rhythmen eben. Um zwölf bin ich durchnässt zu Hause. Anderswo läuft noch eine Party, aber ich sage ab. Ich habe die Nase voll.

Schwarze Haare und Haargel - 0 

Es gibt wohl zwei Wahrheiten Mexikaner betreffend:

  1. Jeder hat schwarze Haare.
  2. Niemand geht ohne Haargel aus dem Haus.

Wäre es nicht schon erfunden, würde die Regierung bestimmt ihr gesamtes Forschungsbudget der Haargelentwicklung widmen.

Igellooks und nach hinten gekämmte, mit Klebstoff-Gel fixierte Frisuren sind hier am beliebtesten, und das in jeder vorstellbaren Variation. Nur den Iro sehe ich nirgends. Gel-Tuben oder -Töpfe über einem Liter bestimmen das Bild in den Warenhäusern, und erstrecken sich über ganze Ganglängen. Interessant, dass die Produkte nicht so durchorganisiert im Regal platziert sind wie in Europa. Teure Produkte sind nicht unbedingt leicht auffindbar, und die Sortierung folgt keinem Standard: Mal stehen alle Produkte eines Herstellers nebeneinander, dann wieder wurde nach Warengruppen geordnet. Und das im gleichen Laden!

    Erster Arbeitstag - 0 

    Mein erster Arbeitstag heute. Nicht wirklich besonders. Ich sehe die Fabrikhallen, dann meinen leeren Schreibtisch und meinen schäbigen Bürostuhl. Ich habe kein Notebook, keine Personalnummer, keine drängenden Aufgaben. Also lerne ich Spanisch. Nicht weiter spannend.

    Querétaro - 0 

    Erst mal ausschlafen, dann in die Stadt. Es ist superheiß, aber Shorts tragen nur Gringos. Also ziehe ich mich europäsich an, mit Nadelstreifenhose und Hemd. Dann der Schock: Alles auf Spanisch, irgendwie klar, aber fremd. Und der nächste: Alles riecht nach Mais, ein fäuliger, feuchter Geruch. Die mexikanische Küche scheint sich mit vier Ingredienzien zu differenzieren: Mais, Chili, Limette und Bohnen. Zum Füllen werden die üblichen Lebensmittel verwendet, nicht wirklich besonders. Auf der Straße sieht man auffallend viele dicke, aber auch sehr viele trainierte Menschen. Die Zwischenstufen fallen kaum auf.

    Die Altstadt ist pittoresk, und schöner als ich dachte. Die engen Gassen sind mit ausgeschlagenen Steinen gepflastert, die Gehwege auch für eine Person zu eng. Insbesondere, da Strommasten aller Art den Weg noch mehr verengen. Ganz zu schweigen davon, dass Bäume grundsätzlich sehr niedrig gestutzt werden. Offensichtlich sind Menschen mit mehr als 1,70m selten hier. Die Häuser sind gepflegter als ich dachte, die Fassaden leuchten abwechselnd orange, pastellgrün, beige, blau-weiß, ocker. Auch die Türen, Fenster und Simse sind unterschiedlich: Massive Doppeltüren aus verziertem Holz, einfache Stahltore, grün lackiert; niedrig hängende Fenster, vergittert, schmale Fenster mit Jalousien, Schiebefenster aus Aluminium…

    Bemerkenswert ist die Kirchendichte, und noch bemerkenswerter die Hochzeitsanzahl. Ich laufe an der ersten Kirche vorbei, einen kolossalen Bau mit indigenen Steinfiguren, orientalischen Bögen (eher Schnecken, die sich an jedem Pfeiler in den Himmel strecken), einer braunen Kuppel und goldener Innenverkleidung: eine Hochzeit. Die nächste Kirche wurde ziegelrot getunkt, eher klassisch-neuromanisch im Stil; wieder zurechtgemachte Menschen, vor dem Altar ein Brautpaar, dahinter vermute ich einen Geistlichen. Die dritte Kirche, auf einem Hügel gelegen – nun ja, keine wirkliche Überraschung was passiert. Die Gesellschaft presst sich gerade hochvergnügt aus dem kleinen Portal heraus. Die vierte Kirche liegt eher versteckt an zwei wenig befahrenen Gassen: keine Hochzeit. Dafür aber schreiten zwei Männer in ihren braunen Kutten behäbig vorbei. Ist auch schon spät.




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